
Ich weiß nun nicht, wie das Bild „American Girl in Italy“ vor über 70 Jahren gesehen wurde. Heute erzeugt das Motiv eine eigenartige Mischung aus Mitleid und Empörung. Doch diese Aufnahme aus Florenz, 1951, wurde damals zum ikonischsten Bild Ruth Orkins, entstanden für die Serie „Alleinreisende“. Für „American Girl in Italy“ fotografierte Orkin die junge Kunststudentin Jinx inmitten einer Gruppe italienischer Männer. Das Bild steht exemplarisch für Orkins Fähigkeit, gesellschaftliche Situationen mit einem zugleich dokumentarischen und bewusst gestaltenden Blick zu erfassen.
Die Amerikanerin Ruth Orkin (1921–1985) gehört zu den wenigen professionellen Fotografinnen der 1940er und 1950er Jahre. Obwohl ihre Arbeiten in zahlreichen Zeitungen und Magazinen publiziert und ihre Fotografien bereits 1955 Teil der legendären Ausstellung The Family of Man im MoMA waren, ist ihr Werk weltweit bisher wenig präsentiert worden.
Ruth Orkin beginnt bereits im Alter von zehn Jahren zu fotografieren. 1939 studiert sie Fotojournalismus am Los Angeles City College, im selben Jahr entsteht ihre erste große fotografische Serie. Im Alter von 17 Jahren durchquert sie die USA mit ihrem Fahrrad und der Kamera auf dem Weg zur Weltausstellung, von Los Angeles nach New York. Als freie Fotografin arbeitet sie später u. a. für die Magazine Life, Look und Ladies’ Home Journal. Mit über 90 Aufnahmen zeigt die Ausstellung in Oberhausen das facettenreiche Schaffen dieser außergewöhnlichen Fotografin.
Die Schau ist in der Ludwigsgalerie Schloss Oberhausen (Konrad-Adenauer-Allee 46, 46049 Oberhausen) vom 18. Oktober 2026 bis 14. Februar 2027 zu sehen.
Bild oben: Ruth Orkin, American Girl in Italy, Florenz, 1951, Orkin/Engel Film and Photo Archive, VG Bild-Kunst, Bonn, 2026 Bild unten: Ruth Orkin, Tirza zwischen zwei Waschbecken, Tel Aviv, 1951 © Orkin/Engel Film and Photo Archive; VG Bild-Kunst, Bonn, 2026
