{"id":7186,"date":"2021-04-27T09:44:00","date_gmt":"2021-04-27T09:44:00","guid":{"rendered":""},"modified":"2026-05-18T19:20:46","modified_gmt":"2026-05-18T19:20:46","slug":"image-market-2021-corona-und-die-bildbranche-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/pictorial-online.com\/?p=7186","title":{"rendered":"image market 2021 \u2013 Corona und die Bildbranche"},"content":{"rendered":"<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/pictorial-online.com\/wp-content\/uploads\/woltlab_images\/woltlab_13294.png\" alt=\"Blog-Foto\" \/><br \/>\nGrafik: Maximilian von Lachner<\/p>\n<p><strong>Teil I: Der Bildmarkt insgesamt ist um ein Viertel eingebrochen<\/strong><\/p>\n<p>Es ist ja mittlerweile zur Tradition geworden: Professor Lars Bauernschmitt &#8211; er lehrt an der Hochschule Hannover und der Justus-Liebig-Universit\u00e4t Gie\u00dfen &#8211; ver\u00f6ffentlicht seine j\u00e4hrlichen Untersuchungen zum Bildmarkt und wir reden dann zusammen \u00fcber die Ergebnisse: Was f\u00e4llt auf? Was erstaunt? Wo gibt es markante statistische Linien? Wo h\u00e4tte man spontan andere Resultate vermutet?<\/p>\n<p>Und es ist auch Tradition, dass das Gespr\u00e4ch zu lange w\u00e4hrt, so dass man es am Besten in zwei Portionen serviert.<\/p>\n<p>Im heutigen Teil I erfahren wir die Konsequenzen, die Corona 2020 auf die Bildbranche hatte. Dass dieses Pandemie-Jahr verheerend sein w\u00fcrde, damit haben wir alle ja gerechnet. Nur: Jetzt haben wir die konkreten Zahlen. F\u00fcr Fotografen und f\u00fcr Bildagenturen.<\/p>\n<p>Nach diesem ersten &#8222;Fakten-Teil&#8220; unseres Gespr\u00e4chs werden wir dann in Teil II \u00fcber die Zukunft der Bilderbranche nach dem Ende der Pandemie reden &#8211; ja, wir gehen davon aus, dass es das geben wird. Schafft Corona &#8222;neue Tatsachen&#8220; oder ist sie nur einfach ein &#8222;Brandbeschleuniger&#8220; f\u00fcr Entwicklungen, die sich schon l\u00e4nger abzeichnen? Wir suchen nach Gewinnern der Krise, und wir reden auch \u00fcber Bild-\u00c4sthetik, \u00fcber die Art der Bildillustration, die erschreckende Einfallslosigkeit bei der fotografischen Bebilderung der Corona-Thematik.<\/p>\n<p>[list][*]<strong>Herr Prof. Bauernschmitt, alle Achtung! Dass Sie sich \u00fcberhaupt aufgemacht haben, dieses missratene Jahr 2020 statistisch zu erfassen! Lohnt die Erkenntnis &#8211; im Sinne einer kontinuierlich-langfristigen Untersuchungsreihe betrachtet &#8211; den Aufwand? Oder h\u00e4tte es nicht auch gereicht, zu sagen: &#8222;Alles Bullshit, vergessen wir dieses bucklige Jahr.&#8220;? <\/strong><br \/>\n[\/list]<strong>Lars Bauernschmitt:<\/strong> Sie haben recht, das Jahr 2020 war ein extrem schlechtes Jahr! Auch wenn bestimmte negative Entwicklungen schon seit mehreren Jahren zu beobachten sind, gab es 2020 noch einmal einen extremen Ausschlag nach unten. Ich fand es trotzdem wichtig, gemeinsam mit meinem Mitarbeiter Maximilian von Lachner, auch das Jahr 2020 zu untersuchen.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich w\u00e4re es wenig sinnvoll, das Jahr 2020 allein zu betrachten, aber ich f\u00fchre ja schon seit 2018 Erhebungen zum deutschen Bildermarkt durch und erstelle derzeit eine Langzeitanalyse des Handels mit Nutzungsrechten an Bildern seit 1990. Da geh\u00f6rt dann eben auch das Jahr 2020, auch wenn es ein besonderes ist, dazu.<\/p>\n<p>[list][*]<strong>Ach, Herr Professor, ich gebe ja zu: Meine Eingangsfrage war wirklich eine \u00fcble, effekthascherische Provokation! Nat\u00fcrlich ist das Jahr auch wichtig. Zumal es in einer Reihe steht.<\/strong><br \/>\n[\/list]<strong>Lars Bauernschmitt:<\/strong> Ja, dar\u00fcber hinaus war die Erhebung auch wichtig, weil wir seit 2018 in jedem Jahr nicht nur allgemeine Fragen zu Umsatz und Bildbestand stellen, sondern immer auch spezielle Aspekte der Arbeit der Bildagenturen untersuchen. So hatten wir 2019 ja neben den allgemeinen Fragen auch nach \u00dcberlegungen zu Strategien und Perspektiven der Bildagenturen und der Befindlichkeit der Verantwortlichen gefragt.<\/p>\n<p>2020, als die Erhebung nicht nur in Kooperation mit dem BVPA erfolgte, sondern auch in Zusammenarbeit mit den Interessenvertretungen der Fotograf:innen, hatten wir beide Gruppen, Bildagenturen und Fotograf:innen, zu Themen ihrer Zusammenarbeit befragt. In diesem Jahr haben wir, aus aktuellem Anlass, einen gro\u00dfen Corona-Block gehabt. Dieses Jahr war die Erhebung f\u00fcr uns aber auch wichtig, weil wir eine Reihe von Fragen gestellt haben, die wir so bereits in der Vergangenheit gestellt hatten, um die Ergebnisse in eine aktuell laufende Meta-Analyse bez\u00fcglich der Erhebungen der letzten drei\u00dfig Jahre einflie\u00dfen zu lassen.<\/p>\n<p>[list][*]<strong>Die aktuelle Situation macht wohl jeden Betrachter traurig: Fotografen und Bildagenturen haben mit massiven R\u00fcckg\u00e4ngen zu k\u00e4mpfen. Nennen Sie uns die nackten Zahlen? <\/strong><br \/>\n[\/list]<strong>Lars Bauernschmitt:<\/strong> Die sind schnell erz\u00e4hlt. Alle haben von 2019 auf 2020 verloren. So b\u00fc\u00dften die Fotograf:innen 23,7 Prozent ihrer Ums\u00e4tze ein, w\u00e4hrend die Agenturen sogar 26,3 Prozent verloren. Besonders stark betroffen waren in unserer Erhebung die Fotojournalist:innen. Sie verloren sogar 34,0 Prozent.<\/p>\n<p>[list][*]<strong>Das ist ein Ergebnis, das mich pers\u00f6nlich erstaunt hat: In toto trifft es die Agenturen h\u00e4rter als die Fotografen! Ich h\u00e4tte zum Beispiel spontan vermutet, dass das &#8222;Archiv-Gesch\u00e4ft&#8220; im Vergleich zur aktuellen Produktion eher weniger leiden w\u00fcrde&#8230; <\/strong><br \/>\n[\/list]<strong>Lars Bauernschmitt:<\/strong> Ihre Vermutung ist richtig. Das auf den ersten Blick gegenteilige Ergebnis macht ein Definitionsproblem deutlich. Ich komme gleich darauf zur\u00fcck, zun\u00e4chst nur ein Hinweis. Wir haben in unseren Ergebnissen einen Unterschied von zwei Prozent zwischen den beiden Gruppen formuliert. Da wir aber mit einer schmalen Datenbasis arbeiten, w\u00fcrde ich erstmal eine gewisse statistische Unsch\u00e4rfe einkalkulieren und die Differenz nicht \u00fcberbewerten. Was man trotzdem sagen kann, ist, dass der Bildermarkt insgesamt um ungef\u00e4hr ein Viertel eingebrochen ist.<\/p>\n<p>Was wir aber f\u00fcr die Zukunft kl\u00e4ren m\u00fcssen, ist der Begriff Foto- oder Bildagentur. Traditionell wurden unter dem Begriff sowohl Ein-Personen-Unternehmen als auch weltweit t\u00e4tige Konzerne zusammengefasst. Der Fotograf, der seine eigenen Bilder unter einem gro\u00df klingenden Firmennamen vertreibt, steht in den Betrachtungen und Erhebungen schon immer neben gro\u00dfen Agenturen wie dpa, imago, Mauritius oder Getty, Shutterstock und anderen. Das muss man aber differenzieren. Die H\u00e4lfte der BVPA-Mitglieder und alle nicht im Verband vertretenen Agenturen, die sich an der Erhebung in diesem Jahr beteiligten, haben weniger als 10 Mitarbeiter:innen. Betrachtet man die Umsatzverluste im Verh\u00e4ltnis zum Vorjahresumsatz, f\u00e4llt auf, dass die Agenturen die 2019 schon einen Umsatz von unter 100.000 Euro gemacht haben, \u00fcber 30 Prozent an Umsatz eingeb\u00fc\u00dft haben, w\u00e4hrend die Agenturen, die h\u00f6here Ums\u00e4tze erzielten, nur Verluste in H\u00f6he von ungef\u00e4hr 20 Prozent hatten.<\/p>\n<p>Auffallend sind die h\u00f6heren Einbu\u00dfen bei den nicht im BVPA vertretenen Agenturen gegen\u00fcber den im Verband vertretenen Bildagenturen. Gleichzeitig gab es unter den BVPA-Agenturen einige, die nichts verloren oder sogar gewonnen haben, und einige, die ganz extrem eingeb\u00fc\u00dft haben. Das weist darauf hin, dass wir es unter den Bildagenturen mit einer extrem heterogenen Gruppe zu tun haben. Wir sehen, wie sich gro\u00dfe und kleine Bildagenturen seit Jahren &#8211; sowohl bezogen auf die Bildmenge als auch bezogen auf den Umsatz &#8211; immer weiter auseinander entwickeln. Das erkennt man ganz deutlich daran, dass sich Mittelwert und Median immer weiter voneinander entfernen.<\/p>\n<p>[list][*]<strong>Ich denke doch, dass es innerhalb der Agenturen &#8211; die ja, wie sie gerade ausgef\u00fchrt haben, sehr heterogene Unternehmen sind &#8211; massive Unterschiede gibt: Welcher Agentur-Typus &#8211; Presseagentur, Stockfotografie, Microstock, welches Lizenzmodell etwa &#8211; ist am st\u00e4rksten betroffen?<\/strong><br \/>\n[\/list]<strong>Lars Bauernschmitt:<\/strong> Die Agenturen, die am st\u00e4rksten verloren haben, hatten 2020 die H\u00e4lfte ihrer Einnahmen aus Magazinver\u00f6ffentlichungen erl\u00f6st. Die Agentur, die am st\u00e4rksten zugelegt hat, konnte die meisten Ums\u00e4tze mit TV-Verwertungen generieren. Die Agenturen, deren Ums\u00e4tze stabil blieben, waren im Vergleich mit anderen sehr stark in der Werbung oder sehr breit aufgestellt. In diesem Jahr haben wir das aber leider nicht so detailliert gefragt. Da haben wir schon ein wichtiges Thema f\u00fcr die n\u00e4chste Erhebung.<\/p>\n<p>[list][*]<strong>Und bei den Fotografen? Welchen Bereich hat es da am Schlimmsten erwischt?<\/strong><br \/>\n[\/list]<strong>Lars Bauernschmitt:<\/strong> Dar\u00fcber ist ja schon viel geschrieben worden. Alle Fotograf:innen, die von Events berichten oder Hochzeitsfotografie machen, hat es besonders getroffen. Da sind ja im Prinzip alle Termine weggefallen. Bildjournalist:innen haben deutlich verloren. Wer verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig gut durch das Jahr kam, waren die Architekturfotograf:innen.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend Fotografierende, die sich an dieser Erhebung beteiligten, im Einzelfall bis zu 80 Prozent ihrer Ums\u00e4tze verloren und insgesamt unter den Bedingungen der Covid-19-Pandemie 2020 wie schon gesagt rund ein Viertel geringere Ums\u00e4tze erzielen als 2019, f\u00e4llt auf, dass dieser R\u00fcckgang bei den Mitgliedern des BVAF (Anmerkung der Redaktion: Das ist der Bundesverband der Architekturfotografie) deutlich geringer ausfiel. Sie verzeichneten nur einen Umsatzr\u00fcckgang in H\u00f6he von durchschnittlich 14,1 Prozent, sodass die Jahres-Netto-Ums\u00e4tze bei ihnen von durchschnittlich 75.547,47 Euro auf 64.882,35 Euro fielen. W\u00e4hrend die Zahl werblicher und redaktioneller Fotoauftr\u00e4ge insgesamt reduziert und im Umfang zur\u00fcckgefahren wird, scheint die Architekturfotografie von der Krise weniger stark ber\u00fchrt. Ein bereits vor der Corona-Pandemie durch niedrige Zinsen verursachter Bauboom zieht die Notwendigkeit einer Dokumentation von Projekten nach sich, die nicht kurzfristig gestoppt werden k\u00f6nnen, sondern beworben und vermarktet werden m\u00fcssen.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend also Veranstaltungen wie Filmpremieren oder Galas abgesagt werden und die Anl\u00e4sse zum Fotografieren damit entfallen, werden Geb\u00e4ude auch in der Krise fertiggestellt. Gleichzeitig lassen sich auf Baustellen und in gerade fertiggestellten Geb\u00e4uden besser die Hygienevorschriften einhalten, die andernorts die Arbeit von Fotograf:innen behindern oder unm\u00f6glich machen.<\/p>\n<p>[list][*]<strong>Kommen wir zur Pandemie-Bew\u00e4ltigung: Es wurden ja riesige Summen auf nationaler und internationaler Ebene aktiviert, die &#8211; in Bereichen der Industrie, der Luftfahrt, der Reisebranche etwa &#8211; die Ausf\u00e4lle teil-kompensieren sollten. Wie sieht es da in unserer Branche aus? Kam da etwas an? <\/strong><br \/>\n[\/list]<strong>Lars Bauernschmitt: <\/strong>Der durchschnittliche Umsatz der Bildagenturen in Deutschland fiel 2020 gegen\u00fcber dem Vorjahr um 26,3 Prozent. In dieser Situation nahm jedoch nur etwas mehr als die H\u00e4lfte der an dieser Erhebung beteiligten deutschen Bildagenturen bis zum Februar 2021 Coronahilfen des Bundes oder der L\u00e4nder in Anspruch, deren H\u00f6he zwischen 2.000 Euro und 90.000 Euro lag. So stehen allein bei den 27 deutschen Bildagenturen, die sich an der Erhebung beteiligten, Umsatzeinbu\u00dfen in H\u00f6he von fast neun Millionen Euro Hilfen in H\u00f6he von 207.400 Euro gegen\u00fcber. Das entspricht einer Quote von 2,3 Prozent.<\/p>\n<p>Trotz dieser erheblichen Einbu\u00dfen und der geringen H\u00f6he der F\u00f6rderungen nahmen mehr als 80 Prozent der deutschen Bildagenturen aber auch keine anderen Unterst\u00fctzungen in Anspruch. Nur 11,5 Prozent w\u00e4hlten Firmenkredite, w\u00e4hrend 19,2 Prozent private Kredite in Anspruch nahmen. Lediglich 3,8 Prozent konnten Mietnachl\u00e4sse nutzen. Von den befragten Fotograf:innen nahmen nur knapp 40 Prozent der Befragten keine Cornonahilfen des Bundes oder der L\u00e4nder in Anspruch.<\/p>\n<p>[list][*]<strong>Erstaunlich, dass sehr viele Agenturen und ein noch gr\u00f6\u00dferer Anteil der Fotografen erst gar keine staatliche Hilfe beantragt haben. War das Verfahren zu b\u00fcrokratisch? Nicht praktikabel? <\/strong><br \/>\n[\/list]<strong>Lars Bauernschmitt:<\/strong> Wir hatten danach gefragt, wie die Betroffenen die Unterst\u00fctzungen einsch\u00e4tzen. W\u00e4hrend 41,7 Prozent der BVPA-Agenturen und 55 Prozent der Fotograf:innen die Unterst\u00fctzung von Bund und L\u00e4ndern als b\u00fcrokratisch einsch\u00e4tzten, waren das bei den nicht im BVPA vertretenen Agenturen 90 Prozent.<\/p>\n<p>[list][*]<strong>Vielen Dank erstmal f\u00fcr heute, wir reden ein andermal weiter&#8230;<\/strong><br \/>\n[\/list]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/pictorial-online.com\/wp-content\/uploads\/woltlab_images\/woltlab_13294.png\" alt=\"Blog-Foto\" \/><br \/>\nGrafik: Maximilian von Lachner<\/p>\n<p><strong>Teil I: Der Bildmarkt insgesamt ist um ein Viertel eingebrochen<\/strong><\/p>\n<p>Es ist ja mittlerweile zur Tradition geworden: Professor Lars Bauernschmitt &#8211; er lehrt an der Hochschule Hannover und der Justus-Liebig-Universit\u00e4t Gie\u00dfen &#8211; ver\u00f6ffentlicht seine j\u00e4hrlichen Untersuchungen zum Bildmarkt und wir reden dann zusammen \u00fcber die Ergebnisse: Was f\u00e4llt auf? 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